Systemspezialist für Gitarrenlegenden – Thomas Nordegg

Das ist die Geschichte eines der wichtigsten Männer aus der Gitarrenszene, der jedoch den wenigsten bekannt ist, da er stets als Techniker im Hintergrund agierte.

Umso größer war die Freude, als der freundliche ältere Herr im Jahre 2012 am letzten Tag der NAMM Show genauso neugierig um den Antares/ Peavey Autotune Gitarrenprototypen herumschlich wie der Autor dieser Zeilen. Wir kamen sofort ins Gespräch und schnell stellte sich heraus welche Persönlichkeit ich da gerade kennenlernte. Thomas Nordegg ist heute den Insidern bekannt als der Gitarrentechniker von und für Steve Vai und Dweezil Zappa. Diese Tätigkeit übt Nordegg nun schon seit den 70er Jahren aus und hat dadurch so einiges gesehen, einen ganz eigenen Blick auf die Szene. Seine Kreationen und der enge Dialog mit diversen Herstellern hat schließlich zu einigen Produkten geführt, so wie wir sie heute kennen. Ich war eigentlich verwundert darüber, wie sehr er von der Autotune Gitarre schwärmte. Solche Hi-Tech Toys sind doch nichts für Puristen, dachte ich. Wie falsch ich gedacht haben sollte stellte sich ein Jahr später heraus.

Im Januar 2013 hatte ich nämlich die Gelegenheit dem Systemmeister bei sich zu Hause auf die Gitarren und aufs Rack zu schauen und seine Geschichte zu erfahren. Er ist sehr stolz auf sein System, das mit Sicherheit einzigartig ist. Dazu aber später.

Thomas Nordegg ist geborener Wiener, stammt aus den 50er Jahren “I am the oldest guy in the building!” und kam 1972 zum erstenmal in die USA. “Mich hatten die 60er geprägt, damals war die Zeit der großen Autos, ich war schon immer von Clark Gable und Grace Kelly begeistert, die Beatles waren groß und die Welt einfach ein besserer Ort als heute!”

In Wien spielte er in diversen Bands und traf dort den Jazzgitarristen der Band “The Slaves”, der nicht lesen und schreiben, aber einfach in jedem Genre begeistern konnte: Charlie Ratzer. Nordegg entschloss sich sofort das Musiker Dasein aufzugeben und wurde Ratzers Manager. Mit Ratzer und seiner Freundin ging es dann nach New York und es folgten Tourneen und ein Plattenvertrag. Danach ging es wieder zurück nach Österreich. Dort tat sich Ratzer mit dem Keyboarder Peter Wolf zusammen und spielte mit ihm in diversen Bands die von Thomas Nordegg betreut wurden.

Come back and stay
1976 schließlich kam Nordegg mit Peter Wolf wieder in die USA, die beiden reisten quer durchs Land und endeten in Los Angeles. Dort fanden sie ein Apartment direkt in der nähe vom Guitar Center. Man machte Kontakte, trieb sich herum, probierte Instrumente aus. Nordegg bewarb sich sogar im Magic Castle, da er ebenfalls ein sehr talentierter “Zauberer” mit einigen Taschenspielertricks war. Da klingelte das Telefon. Frank Zappa ist dran. Er möchte Peter Wolf treffen. Wolf und Nordegg springen sofort ins Auto und fahren zu Zappa. Dort verbringen sie die nächsten zwei Tage mit Proben. “Ich hatte die Mothers of Invention damals schon in Wien gesehen und war hin und weg. Daß ich jetzt direkt vor Frank stand war unglaublich und wie sich herausstellen sollte, das beste das mir im Leben passiert ist. Ich verbrachte die nächsten 7 Jahre direkt mit Frank und seiner Familie.”

Zu der Zeit spielte Warren Cucurrullo bei Frank Zappa Gitarre. Dieser stieg dann jedoch aus und gründete mit Terry Bozzio und dessen Bruder Donnie die Band Missing Persons. Cucurrullos Position bei Zappa nahm dann niemand geringeres als Steve Vai ein. Nordegg war zugegen als der junge Steve Vai Frank Zappa die Transkriptionen einiger Konzerte zeigte und so in die Band kam.

Nordegg betreute dann Cucurrullo und die Missing Persons bis zum Ende der Band. Anschließend kümmerte sich Nordegg darum für Cucurrullo “Bewerbungen” herumzuschicken und landete den Deal mit Duran Duran, die für insgesamt 15 Jahre mit Warren Cucurrullo spielten.

Nordegg war mittlerweile in LA ein gefragter Gitarrentechniker und arbeitet mit den bekanntesten und besten der Szene zusammen. Selbst für ihn ein Highlight war der “Tech-Job” für Jimmy Page beim Knebworth Festival in 1994. Touren mit Steve Lukather, The Pretenders und vielen anderen folgten.

In 1999 entschließt er sich fast ausschließlich mit Steve Vai zu arbeiten. Nur für zwei Tourneen mit Dweezil Zappa, den er in den höchsten Tönen lobt (“like father, like son”), unterbricht er sein Steve Vai Arrangement. Die beiden arbeiten bis heute zusammen. Thomas Nordegg war an der Entwicklung verschiedener Gitarrenmodelle für Steve Vai beteiligt. Die Zusammenarbeit mit Steve entstand als Nordegg ihm eine Gitarre brachte, die einen holographischen Hals und holographisches Pickguard hatte. Sobald Scheinwerferlicht darauf fiel exlodierten sie förmlich. Darüber hinaus bestanden die Dot Inlays auf dem Hals aus LEDs. Wer wenn nicht Steve Vai sollte auf solche Features abfahren.

Fast Forward 2013
Thomas Nordegg lebt in einem Apartment in der nähe des Ventura Boulevards. Sein Wohnzimmer ist komplett der Gitarrenelektronik gewidmet. Hier hat er sein persönliches Traumrig zusammengestellt. Allein während des Besuches bei ihm gaben sich Guthrie Govan und Adrian Belew die Klinke in die Hand um sich dieses ultimative Gitarrensystem anzuschauen. Thomas Nordegg ist ein Optimierer kann man sagen. Das zeigt sich auch im Alltag. Er fährt mit einem Motorroller durch LA, bei dem Verkehr sehr schlau. “Ich transportiere damit lächelnd 6 Gitarren und noch 2 Amps!” schmunzelt er verschmitzt. Jede seiner Jacken hat Platz für ein iPad und iPhone, jede Tasche natürlich gesichert gegen Diebstahl und unabsichtliches herausrutschen der Geräte. Der Mann ist eine wandelnde Spezialanfertigung.

“Meine Idee und meine Mission war schon immer die Möglichkeiten der Gitarre zu vergrößern und gleichzeitig viele unnötige Dinge zu optimieren. Ich bin kein Nostalgiker der sich scheut alte Zöpfe abzuschneiden. Gleichzeitig habe ich schon früh mit Frank Zappa gelernt neue Technologien auszuprobieren und auf ihr kreatives Potenzial abzuklopfen. Frank hat sich sehr für die Digitaltechnik interessiert. Durch sie wurden erst einige Dinge möglich, die sonst künstlerisch für Frank gar nicht umsetzbar gewesen wären.”

Die Gitarren
Was dem Gitarrenliebhaber wie eine Mischung aus Frankenstein und den Borg vorkommen mag ist für Thomas Nordegg einfach state of the art. Ein Gitarrist sollte seiner Meinung nach alles was heute an kreativen Möglichkeiten zur Verfügung steht in Fingerreichweite haben bzw. auf einen Tritt aktivieren können. Seine Gitarren heißen Super Berger, Super Strat, Super Paul und schließlich Ultra Jem. Thomas Les Borg (Paul) fällt als erstes durch ihr “Pianofingerboard” auf. Wie es bei Keyboards üblich ist, sind auf dem Griffbrett alle diatonischen Töne bezogen auf C weiß dargestellt, die pentatonischen bezogen auf das F# in schwarz. Gar nicht dumm, man kann so viel einfacher in Tonarten denken. Letzendlich packt Nordegg Produkte von 14 verschiedenen Herstellern in eine Gitarre. Als Mechaniken hat Nordegg Steinberger Machine Heads eingebaut, die wie bei einem Cello senkrecht aus der Rückseite der Kopfplatte herausragen. Ja, in der Tat. Man muss sich nicht unbedingt die Hand verdrehen um zu stimmen. Gute Idee. Jede Gitarre hat ein Line 6 Relay Wireless system eingebaut. Für Thomas unverzichtbar, er hasst Kabel. Für ihn gibt es auch keinen Grund vor MIDI die Nase zu rümpfen. Das gehört für ihn zu den Ausdrucksmöglichkeiten für Gitarristen dazu. Es fällt auf, das jede seiner Gitarren hervorragendes Tracking hat und sich das MIDI genauso anfühlt als wenn man die “pure” Gitarre spielt. Er freut sich schon auf das angekündigte neue Fishman Triple Play System. “Heute muss man leider diese 13 Pin Anschlüsse für MIDI haben. Ich habe die natürlich mit Winkelsteckern ausgerüstet. So wie die Teile ausgeliefert werden, würden sie keine fünf Tourtage überstehen. Das wird sich jedoch bald komplett erledigt haben, denn mit dem Triple Play System von Fishman kann man dann endlich wireless MIDI direkt in den Rechner spielen!” Ein weiteres unverzichtbares Tool ist schließlich das Fernandes Sustainer System. Komischerweise in Deutschland gar nicht so verbreitet. Umso erstaunlicher wie sich das persönliche Gitarrenspiel damit erweitern lässt. Es ist eine wahre Freude damit auch die MIDI Sounds schweben zu lassen. Man muß es wohl nur einmal erlebt haben. Für Adrian Belew baut Nordegg das Line 6 Variax System in die Parker Fly ein und freut sich sehr auf das Autotune System. An weiteren Gimmicks hat Thomas immer einen Kill-Switch in den Gitarren und nutzt das Pickguard der Les Paul sogar für ein Touch Wah. Das alles in Kombination mit seinem Gitarren System eröffnet sich eine Welt für Gitarristen von der man nichts geahnt hat.

Hier das Video von unserem Besuch bei Thomas in Van Nuys, California:

 

 

Das Monster Rig läßt sich natürlich direkt wireless von jeder Gitarre aus starten. Ganz nebenbei kann man auch das Raumlicht von den Gitarren aus dimmen. Natürlich.

Das Nordegg Rig besteht aus einem Rack und dem größten Streßbrett (Pedalboard) das ich bisher gesehen habe. Zu erklären was dieses System tut ist gar nicht einfach, selbst Thomas Nordegg verliert sich immer wieder in einigen Bereichen, denn eigentlich geht es ins unendliche. Angefangen bei den Gitarren denkt er in zwei Plattformen:

1. Gitarre pur, die klassische Variante, Tonabnehmer in Pedale in einen Amp. Momentan benutzt er den Fractal Audio Axe FX Ultra.

2. Die MIDI Plattform. Vom 13-Pin Anschluss steuert die Gitarren mehrere MIDI Converter mit Soundmodulen und VG-88 Systeme an. Diese sind darüber hinaus mit verschiedenen MIDI-Prozessoren und Sequenzern verschaltbar.

Die Plattform 1 bietet alles was man an Gitarreneffekten kennt. Das Signal durchläuft diverse Distortions, Modulationseffekte, diverse Looper, Harmonizer und darüber hinaus verschiedene Audio-Zerhacker und Sequenzer bevor das Signal in einen Verstärker geht und über ein Atomic Stereosystem zu Gehör gebracht wird.

Das ganze kann entweder an der Gitarre selbst und zusätzlich mit diversen Fußpedalen mit der MIDI Plattform gemischt werden. Soweit so gut. Was kann man als Gitarrist damit machen? Thomas sagt: “Einfach spielen, streamen, create on the fly. Nicht nachdenken.” Das trifft es sehr gut. Wo soll man anfangen? Sustainer einschalten, Echo dazu, etwas Modulation, ein wenig den Vibratohebel bewegen, sagenhaft! Dann MIDI dazu fahren, ein Pad. Dann den Sequenzer aktivieren, das Pad beginnt zu leben. Akkord wechseln, Loopen. Eine Klangwelt entsteht. Dann Distortion aktivieren. Solieren, Sustainer in die Obertöne kippen lassen, loopen. Harmonizer an, Zerrhacker an, nochmal loopen. Beam me up Scotty! Unglaublich.

Natürlich ist das nichts für jeden. Puristen sind bei Thomas nicht gut aufgehoben: “Wer unbedingt wieder auf die Bäume zurück will, okay. Da habe ich nichts gegen. Ich denke jedoch das jede Zeit ihre Instrumente und ihre neuen Ausdrucksformen hat und immer nach vorne schaut. Gerade an der Gitarre ist das großartige, das man mittlerweile die Wahl hat vom ultra puren Gitarrensound bis zur Milchstraße und wieder zurück zu können. Und dabei ist es immer letztendlich der Mensch, der Gitarrist der mit seinen Fingern und seiner Persönlichkeit die Sounds, das Spiel, die Musik prägt. Es geht nicht um “Digital ist besser” oder “Röhre ist besser”, es geht darum sich auszudrücken. Und wie Frank sagte: “I don’t believe in Revolution, I believe in Evolution.”

Dem ist nichts hinzuzufügen. Thomas ist ein beeindruckender Mensch, eine Inspiration. Zeit mal wieder etwas Neues auszuprobieren. Ich lasse mir gerade einen Sustainer in die Gitarre bauen.